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Kapitel 21: Die Stadt der Tausend Sünden

  Die Stille nach dem Erwachen war keine Leere mehr. Sie war… Routine. Der Schmerz der vergangenen Monde hatte sich tief in ihn eingebrannt, doch er war nicht mehr derselbe. Was folgte, war der gewohnte Ablauf: das Vertiefen seiner magischen F?higkeiten, das stille Zwiegespr?ch mit den Runen – danach die Bibliothek oder die endlosen G?nge von Schloss Moonshire. Aethyrael stand auf der Plattform, auf der er schon unz?hlige Male gestanden hatte – und doch war kein Moment je derselbe gewesen. Die konzentrischen Linien im Boden reagierten nicht mehr auf seine blo?e Anwesenheit. Das hatten sie gelernt.

  ?Zu früh zum Spielen“, murmelte er und senkte die Hand wieder.

  Die Resonanz zog sich zurück. Weder Tadel noch Korrektur, sondern Einklang. So war es inzwischen fast immer. Seit jenem Tag, an dem die Gravitation ihn fast zerrissen hatte, waren mehrere Wechsel zwischen den limbischen Monden und der aufgehenden Sonne vergangen. Aethyrael hatte aufgeh?rt zu z?hlen. Zeit war hier nichts weiter als eine verostete Kette um die niederen Wesen zu peinigen, die ihr Dasein in Endlichkeit fristen.

  Mit einem leichten L?cheln sah er der aufgehenden Sonne entgegen und lie? den Gedanken ziehen. Das erste Licht des Tages brach sich an den tiefschwarzen Türmen des Schlosses. Ein einzelner Funke der Luminoszenz genügte, und die Runen der Türme begannen zu funkeln wie ferne Sterne - kalt, pr?zise und sp?ttisch. Mit geschlossenen Augen stand er da: Eine angenehmen W?rme umhüllte ihn. Die Platform war still, im Angesicht des Spiels von Licht und Schatten. Ein Morgen wie jeder andere. Aethyrael schmeckte Bitterkeit, jedes mal wenn sein Blick in die Fern glitt. Weit hinter die gefrorenen Gipfel und bunten Nebel des limbischen Hochgebirges. Das Aroma der Sehnsucht nach mehr als nur die leblosen Fratzen der Konstrukte sehen zu dürfen - oder die schmerzverzehrten Gesichter sterblicher Seelen, die es bis nach Moonshire geschafft hatten. Der einzige Lichtblick solcher Momente war die Hoffnung in ihren Augen, kurz bevor sie erlosch wie eine Kerze ohne Sauerstoff, wenn sie begriffen, dass ihr verzweifeltes Streben nach Erl?sung eine Lüge war. Die stille Erkenntnis, sich in der Dunkelheit selbst ein Licht zu sein.

  Sein Herzschlag beschleunigte sich für den Bruchteil einer Sekunde, als die Erinnerung an das Erlebte im Garten und die kalte Stimme des ?thers seine Sinne streifte. Eindrücke und Emotionen, nochmal durchlebt in einem Augenblick. Selbst in den Tiefen seiner Tr?ume suchten sie ihn heim - und gaben keine Ruhe. Doch wenn das schon alles war, was die Alten des ?thers zu bieten hatten, dann war es nicht besonders viel. Tr?ume kamen und gingen. So auch die Erinnerung an die kalte, gierige Stimme aus den Tiefen seines Geistes.

  Seit dem Garten hatte Aelthyria ihn nicht mehr aus den Augen gelassen. Jede Rune, jeder Atemzug, jede noch so kleine Bewegung wurde unerbittlich überwacht – nicht mit Strenge allein, sondern mit einer Perfektion, die Schutz vort?uschte und Qual als Prüfung verh?ngte. Bücher, übungen, das Studium der Gravitation – alles geschah unter ihren gütigen Augen, die wie unsichtbare Ketten wirkten. Für manche w?re es ein Fluch gewesen, für ihn war es Verbindung durch Schmerz. Aethyrael wusste, dass selbst ihr Tadel eine Lektion in Leid barg, selbst ihr gew?hlter Widerstand ein Stück der Freiheit war, die sie Ordnung nannten. Und doch sch?tzte er sie.

  Die Verbindung zwischen Sch?pferin und Stern war st?rker geworden, nicht nur spürbar, sondern spürbar wachsend mit jedem Umlauf zwischen den Monden des Limbus und seiner einzigen Sonne – geboren am Horizont, nur um am Abend in Qual zu sterben. Die Lektionen konnten nervenaufreibend sein, hart wie Granit und pr?zise wie Klingen, die tief ins Fleisch schnitten – doch sie lehrten ihn den Austausch von Energie, ?ther und Magie, die Verschmelzung von Kr?ften, die nur der Schmerz und sein bitterer Geschmack vollends zulie?en, ein Fluch, der keine Erl?sung kannte. Licht und Schatten blieben ihm weiterhin verwehrt – und doch st?rte es ihn nicht, denn Gravitation war selten, nützlich, m?chtig, ein Werkzeug der Leere. Seine Rune machte Dinge m?glich, von denen andere nur in ihren Albtr?umen verfolgt wurden.

  Er

  war gewachsen. Nicht sichtbar im Sinne niederer sterblicher Ma?st?be –

  aber spürbar. Die Bewegungen waren ruhiger geworden. Pr?ziser. Wenn

  er ging, folgte ihm die Schwerkraft nicht mehr prüfend, sondern

  selbstverst?ndlich. Der K?rper war nicht weniger wichtig – ein Gef??, das brechen musste, um zu halten. Aelthyria hatte ihn hart trainiert, unbarmherzig, als wollte sie ihn an den Rand der Zerst?rung treiben. Und doch tat sie es nicht. Manchmal hatte er das Gefühl, dass sie Gefallen daran hatte, die Schmerzen ihrer auferlegten Tortur mit ihm zu teilen. Doch war es niemals aus Bosheit oder Freude um des Schmerzenswillen - sondern ihre Form bedingungsloser Zuneigung.

  Unter Ursprüngen zu wachsen konnte sanft sein oder Sturm – ein Trugbild, das Qual als Gnade tarnte. Er hatte gelernt, dass beides zugleich existieren konnte, eine Lüge der Balance. Und dass Schmerz, Disziplin und Kontrolle ihn formten – nicht nur zum Stern, sondern zum ewigen Begleiter der Sch?pferin, zum Echo ihrer gnadenlosen Absicht, zum Zeichen einer Liebe, die in Fesseln schmiedete.

  Aethyrael ?ffnete die Augen wieder und lie? die trügerische Stille des morgens ein letztes mal auf sich wirken.

  Es würde nicht mehr lange dauern, bis die ersten Konstrukte in gewohnt puppenhafter Manier ihrem Tageswerk nachgingen. Gepeinigten Wesen, nicht mehr als Seelenlose in Menschengestalt mit seltsamen Zeichen auf der Stirn. Denn das waren sie. Keine Namen, keinen Charakter. Nichts sagen, nichts fragen. Willenlose, getarnt als etwas Lebendes. Einmal hatte er seine Mutter gefragt, ob sie Konstrukte erschaffen habe, nur um sich in der Ewigkeit am Rand der kosmischen Zerrissenheit nicht allein zu fühlen. Diese Frage hatte sie aus dem Konzept gebracht. Ein kurzer Anflug von Schw?che, der ebenso schnell wieder verflogen war. Ihr Blick war gütig gewesen. Die Augen jedoch eisig. Ihre Antwort unmissverst?ndlich. Eine Umarmung, innig und besitzergreifend. Die Lektion danach, ein schmaler Grad.

  Das pl?tzliche Aroma des ?thers, ein sinnliches Rauschen zwischen Runentr?gern, riss Aethyrael endgültig aus seinen Gedanken. Ein vertrauter Geschmack, sü? wie Honig, benetzte seine Lippen. Die Ankündigung kam ohne Vorwarnung — wie Ankündigungen von Sch?pferinnen es selten taten. Aelthyria erschien auf der Plattform wie immer: ein Schatten, der entschieden hatte, gesehen zu werden. Das Morgenlicht fing die filigranen Runen an ihrem Kragen und ihrer Kehle ein und zeichnete sie für einen Moment in Gold nach, bevor sie in ihre gewohnte Pr?zision zurückfielen. Kaltes Azurblau auf warmen Sonnenstrahlen.

  Stille.

  Aethyrael drehte sich nicht sofort um. Das hatte er schmerzlichst gelernt, seit seiner Ankunft in Moonshire. Reaktionen waren W?hrung. Emotionen waren Schuldschein. Er gab beide mit Bedacht aus. Kalkuliert und Sparsam. Reaktion das Mittel zum Zweck. Emotion der letzte Ausweg.

  ?Du gehst", sagte er.

  Keine Frage.

  ?Vorübergehend", antwortete sie. Das Wort landete mit demselben Gewicht, das Vaelthrys ihm einst gegeben hatte. Er hatte schon lange bemerkt — wie die beiden bestimmte Worte wie Messer teilten, scharfgeschliffen und bereit zum Gebrauch.

  Er drehte sich um und versuchte ein kindliches L?cheln aufzusetzen. In ihrem Ausdruck lag ungeteilte Aufmerksamkeit verborgen. Er kannte den durchdringenden Blick der für viele ein unl?sbares R?tsel war. Eines, für dessen L?sung man einen Preis bezahlt. Er hatte ihn bezahlt. Immer und immer wieder. Gr??tenteils zumindest. Sie trat n?her. Zwei Finger gegen seine Stirn — die vertraute Verbindung, der Anker der zugleich Erinnerung war.

  ?Die Sterne wandern nicht", sagte sie leise. ?Sie erscheinen nur so."

  Aethyrael hielt ihren Blick stand. Ernst. Pr?sent. Das genaue Bild eines Kindes das vollst?ndig verstand was ihm gesagt wurde und es vollst?ndig zu ehren gedachte. Sie betrachtete ihn einen Atemzug l?nger als n?tig. Er zuckte nicht zusammen. Ihr Mundwinkel bewegte sich — kein L?cheln. Etwas ?lteres als ein L?cheln.

  ?Und?",fragte sie fordernd.

  ?Ohne ihre Sonne, sind sie verloren",

  ?Gut", sagte sie und nickte zufrieden.

  Sie zog ihn besitzergreifend zu sich. Ein tiefer Atemzug, als wollte sie ihn Schmecken dann war sie fort. Kein übergang, kein Schritt, kein Schatten. Nur der Geschmack ihres absoluten Anspruchs und der Hauch beruhigender Kr?uter in der Luft.

  Die Plattform war still.

  Aethyrael senkte den Blick auf die konzentrischen Linien unter seinen Fü?en. Sie schimmerten schwach — eine halbe Sekunde der Unsicherheit, dann beruhigten sie sich. Als ob sie warten würden um zu sehen was er als n?chstes tat. Doch vorerst tat er: nichts.

  Er atmete langsam aus.

  Das Schloss atmete anders ohne Aelthyria. Nicht leerer — das war nicht das richtige Wort. Eher wie ein gehaltener Atem der behutsam losgelassen wurde. Die Runen entlang der Türme summten einen Hauch leiser. Die G?nge jenseits des ?stlichen Bogens schienen sich auszudehnen, als b?ten sie mehr Abstand zwischen einem Punkt und dem n?chsten. Moonshire rebellierte nicht in ihrer Abwesenheit. Es erinnerte sich schlicht daran, dass es auch ohne Beobachtung existieren konnte.

  Aethyrael hatte das zuvor bemerkt. In kleinen Momenten — eine ihrer unerbittlichen Lektionen die sich zog, eine Nacht in der Aelthyrias Aufmerksamkeit anderswo gewesen war. Das Schloss ver?nderte sich nicht. Aber das Gewicht seiner Ordnung verteilte sich neu, fand ein neues Gleichgewicht. Ein zerbrechliches Gleichgewicht, wollte man dem Schloss entkommen. Der unüberwindbare Wall ihrer eisernen Ordnung hatte einen Riss bekommen, und er war fest entschlossen, das für sich zu nutzen. Zu lange hatte er sich stillschweigend untergeordnet. Zu oft voller Sehnsucht in die Weiten dieser grausamen Welt geblickt. Eine Welt die ihm jeden Tag ein L?cheln schenkte, stand er morgens im Sonnenaufgang auf der Plattform. Stillschweigend, genie?end. Und er l?chelte zurück. Jedes mal. Ungebrochen. Ungeb?ndigt. Und doch im Herzen immer noch ein Kind.

  Die Sterne wandern nicht. Doch wo keine Sonne, da keine Umlaufbahn. Er dachte darüber nach. Vielleicht würde dieser Stern es doch wagen. Allen Widrigkeiten zum Trotz den Zorn der Sonne auf sich ziehen, nur um einmal aus dem Schatten ihrer Strahlenkraft zu treten. Die Welt mit eigenen Augen sehen. Kein Schmerz war genug, keine Konsequenz zu wenig. Ein Gedanke geboren aus dem Keim der Notwendigkeit. Dieser Samen trieb verdorbene Blüten. Die Sehnsucht zu sehen. Das Verlangen sie zu stillen.

  ?Sieh einer an, niedere sterbliche Bittsteller. Habt ihr vor eure wertlosen Seelen darzubieten, oder euch doch nur verlaufen" ert?nte ein h?hnischer Schrei aus den tiefen des Innenhofes. Eine Stimme wie Fingern?gel auf Metall.

  Er kniff die Augen zusammen und richtete seinen Blick in die Halbschatten des Innenbereiches. Ein Knistern in der Luft, dann ein kurzes grünes Schimmern. Das Portal der Niederen stand offen? Dann erneut, ein kurzes Glimmen, wie das hoffnungsvolle Flackern einer Kerze.

  Kein Zweifel, dachte Aethyrael. Ist es Zufall oder Vorsehung, dass die verlorenen Sterblichen grade heute eine Bitte ?u?ern wollen?

  Gem?chlich stieg er die Wendeltreppe in den düsteren Innenhof herab. Stufe für Stufe. Kein Schritt zu wenig, kein Atemzug zu viel. Gespannt lauschte er der Stille, die unterbrochen war durch das unerwünschte Erscheinen der Niederen. Aethyrael nahm Stimmen wahr. Gestammel, unbedarfte Wortfetzen einer Rasse die sich selbst schon l?ngst aufgegeben hatte.

  The tale has been taken without authorization; if you see it on Amazon, report the incident.

  ?Pah", spottete die Stimme erneut. ?Vergebung, das Herdenvieh sehnt sich immer nur nach Vergebung. Wie w?re es mit Schmerz und Vergnügen"

  Dann ert?nte ein Schrei. Schmerzerfüllt. Gepeinigt. Schrill.

  Danach ein Lachen. Selbstzufrieden. Sadistisch. Glücklich.

  Dann war alles still.

  Aethyrael lauerte im Schatten. Der letzte Rest der Menschenbrut l?ngst ein H?ufchen Asche. Das Flackern der unwürdigen Seele bereits erloschen und im Keim erstickt. Weder Bedauern noch Mitleid streifte seine Sinne. Abneigung war das was blieb. Sehnsucht das was vor ihm lag. Er konzentrierte den ?ther in seiner Rune — nicht aggressiv, sondern lauschend. Tastend. Ein Atemzug. Zwei. Kein Geschmack von Honig und Kr?utern in der Luft. Kein erdiges Aroma der Zeit. Nur Thalyras nachklingendes Glück und die Stille des Vergnügens blieben zurück.

  Niemand da.

  Ein Glück, dass ich nicht auf Magie angewiesen bin, dachte er mit einem schiefen Grinsen.

  Die zwei Alten würden ihn nicht kommen sehen, und gehen noch weniger. Sein Blick richtete sich wieder nach vorne. Das Portal lag im Halbschatten des Torbogens, dort, wo selbst das Licht

  von Limbus z?gerte. Verschn?rkelte Linien zogen sich durch den

  Stein, Runen ohne Glanz, aber voller Erinnerung. Kein Ort des

  Abschieds – ein Ort der Entscheidung. Der Impuls des Portals wurde langsam schw?cher - und Aethyrael unruhig. Jetzt oder nie, Sehnsucht fühlen oder Schmecken. Und die Wahl war klar.

  Er brauchte keinen zweiten Gedanken. Die Gravitation reagierte bevor er sie rief — als h?tte sie gewartet. Kein Kraftaufwand. Kein Rei?en. Nur ein Impuls, wie das Fallen eines Steins der seinen Weg zum Boden kennt. Ein vertrauter Geschmack erfüllte seine Sinne. Er floss mit der Welle. Für andere mochte es wie Hexerei aussehen. Für ihn war es das Natürlichste der Welt. Das verlockende pulsieren seiner Rune war der letzte Rest Best?tigung/wies ihm gehorsam den Weg. Kein Blick zurück. Weder Angst noch Reue. Die Konsequenz würde folgen, das war keine Frage. Und Aethryael würde sie genie?en, das wusste er. Wie ein Dessert, das man nicht teilt. Gut, wer sonst sollte die ungeteilte Zuneigung seiner Sch?pferin und ihren Zorn mit ihm teilen?

  Sei es drum. Der ?ther lie? keine Zweifel mehr zu. Ein Schritt. Ein Violettes leuchten das den Innenhof zum beben brachte. Das grün schimmernde Portal pulsierte. Nicht gleichm??ig — eher wie ein Herzschlag der auf einen anderen Takt wartet. Die verschn?rkelten Runen im Torbogen reagierten auf seine Ann?herung. Kein Glanz. Nur Erinnerung die sich neu ausrichtete.

  Für den Bruchteil eines Herzschlags spürte er die azurblaue K?lte im Nacken die W?rme versprach. Doch er schob sie zur Seite. Der Stern würde wandern und l?cheln. Die Sonne würde ihn finden. Eisig. Gütig. Ursache und Wirkung untrennbar miteinander verbunden. Doch das hielt ihn nicht ab. Hatte es nie getan.

  Aethyrael trat n?her im Mantel der Gravitation.

  Die Luft ver?nderte sich. Schwerer. Dichter. Als würde der Raum zwischen ihm und dem Portal weniger werden — nicht weil er sich bewegte, sondern weil das Portal ihn zog. Gravitation die eine andere Sprache sprach. Einen Augenblick lang sah er durch. Nicht Sehnsucht. Nicht Verlangen. Nur — Anderswo. Dann trat er hindurch und das Portal schwieg in stiller Zustimmung. Als wüsste es sich unterzuordnen. Violett auf schimmerndem Grün.

  Und Moonshire — atmete weiter. Als w?re nichts gewesen. Schweigen ist Gold war für das Schloss kein Zustand. Es war Prinzip. Und Aethyrael war zum ersten mal dankbar dafür. Er blinzelte kurz. Moonshire war fort. Selbst das erste Licht des Tages war ins Gegenteil gekehrt. Die limbischen Monde standen hoch am Horizont so als wollte sie ihn grü?en. Ein vertrauter Anblick. Der alte Geruch des Schlosses war verflogen. Das Aroma der Bitterkeit und Sehnsucht ein ferner Traum. Aethyrael konnte die Natur f?rmlich schmecken und das sanfte Gras unter seine Sohlen fühlen. Reglos stand er unter den Monden, w?hrend sich ihr Licht in den tanzenden Schatten des limbischen Planeten verlor.

  Er senkt den Blick und fand etwas. Etwas das bisher nicht mehr gewesen war als der Schatten eines Bildes in den tiefen seiner Fantasie.

  Schweigend lag sie da. Eine Stadt, ausgebreitet in einem weiten Tal, wie ein offenes Becken aus

  Stein, Licht und Schatten. Ein Makel der Sch?nheit im Herzen der Natur. Terrassen aus wei?em und goldfarbenem

  Gestein zogen sich die H?nge hinab, dicht bebaut, übereinander

  geschichtet wie die Schuppen eines gewaltigen Tieres. Türme ragten

  aus dem Geflecht empor, schlank und selbstbewusst, w?hrend Kuppeln

  und Brücken das Stadtbild durchzogen wie Adern.

  Ein

  Fluss durchschnitt den Sündenpfuhl wie eine tr?ge, lauernde Schlange – dunkel, schwer,

  unaufhaltsam. Seine Oberfl?che spiegelte das Licht der Stadt,

  verzerrt und gebrochen, als würde selbst das Wasser mehr nehmen, als

  es zurückgab. Weiter drau?en ?ffnete sich das Tal, und der Fluss

  mündete in das endlose Grau des Sogs,

  jenes kalten Nordmeeres, das den Rand des Kontinents markierte.

  Helios Stadt der tausend Sünden, dachte er und l?chelte selbstzufrieden.

  Im n?chsten Augenblick schlenderte er bereits in Richtung des Molochs der zu seinen Fü?en lag. Ein verdorbener Fleck Erde am wundersch?nen Horizont. Der einf?ltige Versuch sterblicher Ambitionen, dem gelebten Leid ein neues Gesicht zu geben. Hoffnung auf das was die Niederen ein sch?nes Leben nannten. Ein naiver Irrglaube, doch so waren sie schon immer. Unreine Herzen. Schwache Seelen. Wünsche die sich nie erfüllen würden gegossen in trostlosen Stein. Mit jedem Schritt den er n?her kam, schmeckte Aethyrael die verdorbene Luft. Gewürze. Verbranntes ?l. Metall. Darunter — Schwei?, Parfüm, feuchte Steine. Die Gerüche von Menschen die dicht nebeneinander lebten und einander noch mehr begehrten. Tiere in einem K?fig, den sie weder sehen noch fühlen konnten. Bemitleidenswerte Kreaturen.

  Ein peitschendes Pfeifen durchschnitt die g?hnende Stille der Nacht. Leder auf Fleisch. Gefolgt von einem kindlichen Schrei, so herzerrei?end, dass Aethyrael kurz zusammenzuckte. Er zog sich unbewusst die Kapuze seines Umhangs tief in sein junges Gesicht. Dann sah er die sterbliche Kreatur. Ein M?dchen, nicht ?lter als er selbst. Gefesselt an einen Pfahl. Sein Blick fand ihre müden Augen. In ihnen lag ein Schmerz verborgen, der ihm vertraut war, und ein Wunsch, den er nicht in Worte fassen konnte. Aber er konnte ihn fühlen. In den Tiefen einer Dunkelheit, die niedere Sterbliche Herz nennen würden. Dann ein weiteres Pfeifen. Doch kein Schrei folgte. Stattdessen ein letztes Zucken des gebrechlichen K?rpers. Die Müdigkeit in ihrem Blick l?ste sich langsam auf, bis schlie?lich nur noch Leere zurückblieb — kein Frieden.

  Stille.

  ?Verdammt die Kleine ist hin", grunzte eine rauchige Stimme. ?Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du deine gottverdammten Triebe Zuhause ausleben sollst du Narr"

  Ein breit gebauter Hühne baute sich neben Pfeiler auf. Aethyrael hatte ihn zuerst nicht bemerkt doch aus dem Schatten trat ein pummeliger Knabe mit Peitsche in der Hand hervor. Blutsprenkel auf Gesicht und H?nden. Mit einem selbstgef?lligen L?cheln stand die niedere Kreatur da als w?re nichts gewesen.

  ?Pfff nur eine von viele Sklaven die meinem Vater dienen", erwiderte er und schnalzte mit der Zunge. ?Diese hier war wertlos. Die h?tte es eh nicht mehr lange gemacht"

  Dann schlug er nochmal zu. Und nochmal, doch der Hühne riss ihm wutentbrannt die Peitsche aus der Hand. Ein Funkeln lag in seinen Augen. Aethyrael wusste, dass er die kleine Ratte liebend gern seine eigenen Medizin kosten lassen wollte. Doch er hielt, zu seinem Bedauern inne.

  ?Die kleine ist Tot du hinverbrannter Nichtsnutz", fauchte der Hühne. ?Und wenn du noch hundertmal Zuschl?gst. Schreien kann sie nicht mehr. Also lass uns gehen."

  ?Vielleicht hast du recht Ragnar", sagte der Knabe zufrieden. ?Im Anwesen habe ich genug Spielzeuge. Kein Schrei zu wenig. Kein Peitschenhieb zu viel. Ist es nicht so?"

  Der Hühne entgegnete nichts und warf dem wohl gen?hrten Kind in edler Kleidung einen angewiderten Blick zu.

  ?Sieh dir meine Schuhe an. Dreckiges Sklavenblut", polterte er weiter. ?Soll ich mir jede Woche neue Kaufen nur weil du und deine Peitsche sich nicht zügeln k?nnen?"

  Dann packte er ihn am Arm und zog ihn hinter sich in eine Gasse. Zurückblieb der leblose Leib des M?dchens. Aethyrael wartete einen Augenblick, doch nichts passierte. Jeder der Sterblichen ging an dem Kind vorbei, als w?re es das Normalste der Welt. Keine Gnade. Kein Bedauern. Nur Verdr?ngung. Wer verweilt stirbt. Wer trauert bricht. Und so ging Aethyrael ebenfalls weiter und hielt sich in den Schatten des Sündenpfuhls verborgen. Seine Augen wurden mit jeder Gasse gr??er, der Geschmack von Sünde und Blut tiefer und tiefer. Eine kunstvoll verzierte Tafel aus Stein erregte seine Aufmerksamkeit: "Gasthaus zur Glückseligkeit" stand darauf geschrieben. Fast h?tte er laut aufgelacht als er den Blick davon abwandte und einen alten sterblichen sah der vor dem Gasthaus leblos zusammenbrach. Der in Lumpen gehüllte K?rper blieb einfach liegen, niemand scherte sich darum. Noch weniger die Kutsche eines Adligen die von hinten kam, und den Haufen Fleisch mit sich durch die Stadt schleifte, bis nichts mehr übrig war. Was blieb: das Blut im Dreck der Stadt und ein bitterer Geschmack.

  Aethyrael lie? das eben erlebte ziehen wie die Hoffnung der Sterblichen in Moonshire - und richtet seine Aufmerksamkeit wieder auf das Gasthaus. Verlockend. Einladend und still. Er trat ein. Die Tür des Gasthauses fiel hinter ihm ins Schloss wie ein letztes Wort. Drinnen roch es nach abgestandenem Bier, altem Holz und etwas Sü?lichem das er nicht einordnen konnte. Kerzen in unregelm??igen Abst?nden. Schatten die mehr verbargen als sie zeigten. Gel?chter aus einem Hinterzimmer. Das ged?mpfte Klimpern einer Laute. Drau?en: Blut das sich wie ein Rinsal durch die Stra?en zu winden schien und leblose K?rper in ihrem Dreck.

  Aethyrael zog die Kapuze nicht zurück. Er wartete. Beobachtete und schwieg. Schweigen ist Gold, vor allem wenn man mit den Schatten schwimmt.

  ?Du siehst verloren aus, Kleiner."

  Die Stimme kam von links. Eine Frau. Nicht jung — aber gepflegt auf eine Art die Mühe kostete. Rubinrote Lippen. Augen die rechneten w?hrend sie l?chelten. Sie lehnte an der Theke als h?tte sie auf ihn gewartet. Als h?tte sie auf jeden gewartet der durch diese Tür trat. Wie ein Versprechen das man nicht Laut sagen musste um es zu h?ren.

  ?Ich bin nicht verloren", sagte er mürrisch.

  ?Natürlich nicht." Sie l?chelte breiter. ?Die Verlorenen sagen das immer."

  Sie schenkte ihm ein Glas ein ohne zu fragen. Schob es über die Theke. Er betrachtete es. Die Flüssigkeit war bernsteinfarben. Warm im Kerzenlicht.

  ?Was willst du Niedere?", fragte er sofort und fixierte sie.

  ?Ich?" Sie lachte — kurz, melodisch, geübt. ?Ich will gar nichts. Ich biete nur an." Sie stützte sich auf die Theke. N?her. ?Essen. Trinken. Ein Bett. Und für besondere G?ste —" eine Pause ?— besondere Dinge."

  Aethyrael schwieg. Sein Instinkt regte sich — nicht als Warnung. Als Interesse. Etwas an ihr war anders. Nicht wie die verlorenen sterblichen Seelen auf der Stra?e. Nicht wie die Konstrukte in Moonshire. Etwas das rechnete. Das wollte. Das ein tiefes Verlangen hatte.

  Er verstand es nicht vollst?ndig. Aber er fand es — interessant genug um ihr geh?r zu schenken.

  ?Was für besondere Dinge", fragte er verspielt.

  Ihr L?cheln vertiefte sich. Die Augen die rechneten — beruhigten sich. Als h?tte er die richtige Frage gestellt.

  ?Für ein Kind wie dich?" Sie musterte ihn. Die Kapuze. Die Hexenmale die an seinen ?rmeln hervortraten. Die Art wie er stand — zu still für sein Alter. Zu pr?zise. Ihre Augen blieben an seinen Runen h?ngen einen Herzschlag zu lang. ?Ich kenne jemanden. Eine Frau. Klug. Einflussreich." Eine weitere Pause. ?Sie zahlt gut für — interessante Bekanntschaften."

  ?Zahlt", wiederholte er.

  ?Oder gibt." Sie winkte ab. ?Je nachdem was man braucht. Und du —" sie betrachtete ihn mit dem Blick einer Frau die Preise sch?tzte ?— du brauchst sicher etwas. Jeder der hier ankommt braucht etwas."

  Aethyrael dachte einen Moment nach. Sein Instinkt — derselbe der die Gravitation gespürt hatte bevor er sie rief — flüsterte. Nicht laut. Nur — aufmerksam. Er kannte Aelthyria. Er kannte Vaelthrys. Er kannte Thalyra und Silvara. Er kannte Wesen die in Fesseln schmiede-ten und es Zuneigung nannten. Wesen die Qual als Gnade tarnten. Diese Frau war keines davon. Sie war — kleiner. überschaubarer. Ein Werkzeug das sich für einen Spieler hielt.

  Und trotzdem folgte er ihrem Spiel. Nicht weil er es nicht durchschaute. Sondern weil er neugierig war wo es enden würde. Und mit wem.

  ?Wer ist diese Frau", fragte er schlie?lich.

  Sie l?chelte. Zum ersten Mal ohne Berechnung. Oder — mit einer Berechnung die so tief sa? dass sie wie Aufrichtigkeit aussah.

  ?Ein Schatten", sagte sie. ?Ein Schatten der Ordnung."

  Mehr musste er nicht er h?ren. Mehr wollte nicht h?ren. Doch es war zu sp?t. Die niedere Sterbliche führte ihn zielstrebig durch einen schmalen Gang. Vorbei an geschlossenen Türen hinter denen Stimmen murmelten. Gel?chter. Weinen. Schreie in Schmerz. St?hnen vor Lust. Beides gleichzeitig. Helios in konzentrierter Form.

  Dann — eine Tür. Schlicht. Kein Zeichen. Kein Schmuck.

  Die Frau klopfte zweimal. Wartete nicht auf Antwort. ?ffnete.

  ?Ceryne. Ich hab dir was mitgebracht."

  Und verschwand.

  Sie sa? an einem Tisch. Klein. Zierlich. Pechschwarzes Haar das in sanften Wellen fiel — nicht gek?mmt, nicht ungek?mmt. Einfach — so. Als w?re es immer so gewesen. Vor ihr lagen Papiere. Münzen. Ein Glas das sie nicht angerührt hatte.

  Sie blickte nicht sofort auf.

  ?Wenn du Schulden hast setz dich. Wenn du Sünden hast setz dich ebenfalls. Beides kostet —"

  Dann blickte sie auf. Weder Glücklich noch Zornig nur Fassungslos.

  Aethyrael l?chelte sie zufrieden an. Wie er es immer tat, wenn er gedachte sich gegen die liebevollen Ketten seiner Sonne aufzulehnen. Ein Stern auf Wanderschaft. Mit dem unstillbaren Durst seiner Sehnsucht bewaffnet. Und dem Drang ihn um jeden Preis zu stillen.

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