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Kapitel 21 - Die Flucht

  ?Bevor ich deine Hand nehme, musst du mir eine Frage beantworten!“

  überrascht sah Rochelle den an der Mauer sitzenden Charles an und zog ihre Hand zurück.

  ?K?nntest du mit deinen F?higkeiten Valentin helfen?“

  Als Rochelle das h?rte, zogen sich ihre Mundwinkel nach unten und sie senkte den Kopf.

  ?Charles, allein die Nerven in deiner Hand zu heilen, war schon extrem schwierig für mich. Zudem konnte ich bereits das Ausma? von Valentins Verletzung absch?tzen, w?hrend du Frau Juno geholt hast. Ich bin leider nicht mal ansatzweise in der Lage, so eine komplexe Sch?digung des Nervensystems zu heilen. Dafür br?uchte man einen richtigen Spezialisten. Jemanden, der mindestens Rang IV erreicht hat. Eventuell sogar noch h?her und selbst dann ist eine vollst?ndige Heilung ungewiss.“

  W?hrend er sich langsam an der Mauer nach oben stemmte, blickte Charles entschlossen zu Rochelle.

  ?Dann bringen wir ihn halt einfach zu einem Solaristen mit diesem Rang.“

  Etwas entsetzt über die Naivit?t seiner Antwort hob Rochelle den Kopf.

  ?Hast du eine Vorstellung davon, wie selten solche Leute sind? Herr Alatar hat doch bereits erw?hnt, dass nur wenige Magier es über Rang III schaffen. Selbst wenn du so einen Zauberer findest, werden ein paar Waisen niemals genug Geld für die Behandlung aufbringen. Sogar das Waisenhaus k?nnte sich das nicht leisten. Wir reden hier nicht blo? von einem talentierten Arzt. Das sind richtige Genies, wenn es um das Verst?ndnis von Magie sowie der Zusammensetzung des menschlichen K?rpers geht. Die befinden sich auf einem Level, von dem wir beide zur Zeit nur tr?umen k?nnen und was wir vielleicht niemals in diesem Leben erreichen.“

  Charles legte den Zeigefinger an sein Kinn, dachte kurz nach und reichte Rochelle seine Hand, welche mit kleinen Narben gespickt war.

  ?Wie w?re es dann mit folgendem Deal: Ich verzeihe dir, wenn du mir versprichst, dein Bestes zu geben, um eines Tages dieses Niveau zu erreichen.“

  Für einen Augenblick musterte Rochelle seine Hand, bevor sie erneut nach oben schaute und sich ihre Lippen zu einem leichten L?cheln formten.

  ?Ich wei? nicht … Es wird sehr schwer.“

  Ein selbstbewusstes Grinsen machte sich in Charles' Gesicht breit.

  ?Meine H?nde wurden mit einem Vorschlaghammer zertrümmert, Rochelle. Wenn ich das überstehen konnte, um dir eine Chance auf den Sieg zu verschaffen, dann kannst du es zumindest versuchen, oder nicht?“

  Nach kurzer Gedenkzeit nahm Rochelle seine Hand.

  ?Okay, abgemacht. Dass wir Valentin mitnehmen, schl?gst du dir trotzdem besser aus dem Kopf!“

  ?Aber …“

  ?H?r mal, Charles! Wir haben weder die Zeit noch die Mittel, um mit Valentin zu flüchten. Momentan ist er bei Frau Juno am besten aufgehoben“, unterbrach ihn Rochelle.

  Sie hat schon recht … Allerdings ist Valentin mein Kumpel. Wenn nicht sogar mein bester Freund. Ihn einfach so zurückzulassen, fühlt sich falsch an …

  Eine ganze Weile haderte Charles mit den Gedanken, ehe er sagte: ?Okay, aber nur unter der Bedingung, dass wir nach der Flucht schnellstm?glich Hilfe holen und Valentin dann retten.“

  ?Wir k?nnen es versuchen. Jedoch habe ich keine Ahnung, was uns au?erhalb des Waldes erwartet.“

  Erstaunt über diese Aussage zogen sich die Augenbrauen von Charles nach oben, woraufhin sich die Augenlider von Rochelle verengten.

  ?Wundert dich das wirklich? Maya hat schlie?lich immer ein strenges Auge auf uns alle geworfen und dafür gesorgt, dass niemand den Ort hier je verlassen hat“, erkl?rte sie leicht genervt.

  ?Allerdings muss es in der N?he eine Stadt oder sowas geben, sonst würde Maya nicht so ohne weiteres frisches Fleisch besorgen k?nnen. Von daher bin ich zuversichtlich, dass wir zeitnah Hilfe finden werden.“

  Nachdem Charles ihr zugenickt hatte, richtete Rochelle ihren Fokus auf die Rauchschwaden, welche sich hinter ihnen ausbreiteten.

  ?Genug geredet! Wir müssen jetzt los, sonst verlieren wir unseren Vorsprung. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass Maya die Explosion überlebt hat und auf dem Weg zu uns ist.“

  Die beiden Kinder rannten so schnell, wie ihre Beine sie trugen, durch den Wald. Die Sonne war bereits untergegangen, und nur vereinzelt dr?ngte sich das Mondlicht durch die Baumwipfel, um ihren Weg zu erhellen.

  ?Warum genau fliehen wir über die Westseite?“, fragte Charles.

  Da Rochelle die Führung übernommen hatte und vor ihm rannte, drehte sie den Kopf leicht zu ihm nach hinten.

  ?Vom Eingang des Waisenhauses aus gesehen ist das Geheimversteck im Norden. Da wir Maya nicht in die Arme laufen wollen und die Evakuierung sehr viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird, bleiben uns nur zwei Optionen. Falls sie lebt, wird Maya garantiert an einer von ihnen auf uns warten. Wir müssen einfach darauf hoffen, dass wir die richtige Seite gew?hlt haben.“

  Hoffen wir mal, dass ich mein Glück nicht bereits aufgebraucht habe. Ein überraschungsangriff von ihr in dieser Situation w?re ?u?erst gef?hrlich für uns.

  In der Tat waren sie in dieser Dunkelheit komplett ungeschützt. Umrundet von B?umen, die perfekt waren, um sich zu verstecken. Offen für jede Attacke, welche sich Maya h?tte ausdenken k?nnen. Das Herz von Charles begann wild zu klopfen. Hektisch sah er sich immer wieder in alle Richtungen um.

  Wenn Maya am Leben ist, k?nnte sie jederzeit aus einem dieser Büsche springen und uns angreifen. Wir müssen auf alles gefasst sein.

  Allerdings geschah nichts. Auch mehrere Minuten sp?ter gab es keinerlei Anzeichen für einen Hinterhalt von Maya. Selbst als sich der Wald zu lichten schien, fehlte jede Spur von ihr. Anscheinend waren sie tats?chlich kurz davor, den Klauen zu entkommen, welche Maya so unbarmherzig in sie geschlagen hatte.

  Ein kleines Stück … nur noch ein kleines Stück. Wir haben es gleich geschafft!

  Immer wilder und wilder pumpte es in seinem Inneren, bis Charles kurz davor war, zu sehen, was sich au?erhalb des Waldes befand. Zwischen ihm und der Freiheit lagen nur wenige Meter.

  Ich kann es sehen. Da vorne ist der Ausgang. Direkt vor mir. Sie taucht nicht auf. Maya ist …

  Ehe er seinen Gedankengang zu Ende bringen konnte, trat eine mysteri?se Gestalt in einem grauen Zaubermantel hinter dem letzten Baum vorm Ausgang hervor und versperrte das hereinscheinende Mondlicht. Sofort stoppten Charles und Rochelle. Ihre Gesichtszüge entgleisten. Es war Maya. Vollkommen unversehrt. Die H?nde hinter den Rücken verschr?nkt, l?chelte sie die Kinder charmant an. Ihre Augen hingegen funkelten düster.

  ?Wollt ihr etwa schon gehen, ohne euch zu verabschieden?“

  So ein verdammter Mist! Wir haben die falsche Richtung gew?hlt.

  ?ngstlich trat Charles ein paar Schritte zurück, w?hrend sich der pure Horror in seinem Gesicht abzeichnete. Vor seinem geistigen Auge spielten sich die Bilder seiner Bestrafung erneut ab.

  Nicht schon wieder … Muss ich diese Tortur jetzt erneut durchmachen? I-ich … ich halte das kein zweites Mal aus. Sollen wir vielleicht umkehren …?

  Gerade als er sich umzudrehen wollte, beruhigte ihn Rochelle: ?Lass dich nicht reinlegen, Charles! Maya kann blo? an einer Seite auf uns warten. Entweder ist das hier die Echte oder ein Klon. Letzteren k?nnen wir mit Leichtigkeit besiegen.“

  ?Bist du dir da wirklich sicher? Selbst wenn ich ein Klon sein sollte, k?nnte ich dennoch meine Zauberkr?fte einsetzen“, erwiderte Maya im sp?ttischen Ton.

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  Auf einmal f?cherte sie einen Stapel Karten auf, welchen Maya hinter ihrem Rücken versteckt gehalten hatte. Die silbernen Umrandungen der Karten blitzen im Mondlicht auf.

  ?Wisst ihr, was passiert, wenn man den Verzauberungs- und Ver?nderungstrick miteinander kombiniert?“

  Bis auf eine Karte lie? sie den Stapel mit einer geschickten Handbewegung verschwinden und leckte nun den Rand dieser entlang. Anschlie?end grinste sie in die Richtung von Charles und wendete die Karte.

  ?Zum Beispiel k?nnte ich den Herzk?nig in den K?rper einer bestimmten Person eindringen lassen, w?hrend es sich für denjenigen anfühlt, als würde man ihm eine Rasierklinge in die Eingeweide werfen. Der positive Nebeneffekt ist, dass man es so oft wiederholen kann, wie man m?chte, da keinerlei physischer Schaden zurückbleibt.“

  Reflexartig legte Charles seine rechte Hand schützend vor den Bauch und machte einen weiteren Schritt rückw?rts. Die Angst sa? ihm spürbar in den Knochen.

  ?Das ist ein Bluff!“, verkündete Rochelle.

  ?Wenn du die echte Maya w?rst, h?ttest du uns l?ngst angegriffen. Die Tatsache, dass du bisher nicht gezaubert hast, verr?t mir, dass ihre Duplikate dazu anscheinend nicht in der Lage sind. Vermutlich bist du blo? eine Ansammlung von Mana, welches bald verpufft. Deshalb versuchst du, uns Angst einzujagen und Zeit zu schinden, bis das Original hier eintrifft.“

  ?Willst du es drauf ankommen lassen?“, entgegnete Maya und leckte sich über die Lippen.

  Ohne zu z?gern stürmte Rochelle auf Maya zu.

  ?Darauf kannst du Gift nehmen!“

  Zur Verteidigung hielt Maya ihre Karten wurfbereit. Kurz vor ihr drehte Rochelle den Oberk?rper nach hinten und holte zum Schlag aus.

  ?Gro?er Fehler!“, murmelte Maya.

  Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, schleuderte Maya ihre Karten auf Rochelle, die sich mitten in der Bewegung befand und keine Chance mehr hatte, auszuweichen. Zu ihrer und Charles überraschung verpufften diese jedoch an Rochelle und sie konnte ungehindert auf Maya einprügeln. Schon beim ersten Kontakt mit der Faust von Rochelle l?ste sie sich pl?tzlich in Luft auf. Zeitgleich zogen sich Rochelles Mundwinkel nach oben.

  ?Wusste ich es doch!“

  Auch Charles, der sich mittlerweile gefasst hatte, strahlte über beide Ohren.

  Gott sei Dank war es tats?chlich ein Doppelg?nger! Das bedeutet, wir haben doch die richtige Wahl getroffen. Da vorne erwartet uns die Freiheit.

  Aus der Dunkelheit legte sich pl?tzlich eine kalte Hand auf seine Schulter. Langsam lie? Charles den Blick zu seiner Rechten wandern, bis er in zwei Augen schaute, die ihn aus der Finsternis lila anstrahlten.

  ?Hallo, mein sü?er Liebling.“

  Augenblicklich erstarrte der kreidebleiche Charles. In seinem Kopf hallte ein Gedanke immer und immer wieder: Das ist mein Ende!

  Sichtlich zufrieden lie? Maya ihre Fingerspitzen über seine Wange das Kinn hinuntergleiten, welches sie zu streicheln begann. Unterdessen lief es Charles kalt den Rücken runter und seine H?nde fingen an zu zittern. Dadurch entdeckte Maya auf einmal, dass diese bereits wieder verheilt waren. Sofort krallte Maya sich seine rechte Hand und musterte diese. Zuerst war Maya irritiert und hielt kurz inne, jedoch dauerte es nicht lange, bis sich ihre Miene verfinsterte.

  ?So ist das also …“, flüsterte sie und starrte danach voller Mordlust zu Rochelle.

  Bislang hatte diese die Szenerie vorsichtig beobachtet, doch nun meldete sich Rochelle z?gerlich zu Wort: ?W-woher wusstest …“

  Ehe Rochelle den Satz zu Ende führen konnte, erkl?rte Maya: ?Der Wind weht von der Westseite. H?ttest du den ?stlichen Ausgang genommen, w?re dir weniger Zeit für die Flucht geblieben, weil sich im Falle eines Kampfes das Feuer zu schnell in diese Richtung ausbreiten k?nnte. Du hast also schon vorher geplant, dass wir uns in einem Kampf gegenüberstehen, nicht wahr? H?r schon auf, mir etwas vorzuspielen!“

  In der Dunkelheit war es nicht leicht zu erkennen, aber die hereinscheinenden Mondstrahlen, welche ihr Gesicht umrandeten, machten es deutlich, dass sich der geschockte Gesichtsausdruck von Rochelle ins genaue Gegenteil wandelte.

  ?Ich sch?tze, dir kann man wirklich nichts vormachen. Blo? bl?d für dich, dass du bereits in meine Falle getappt bist“, erwiderte sie leicht süffisant.

  Maya seufzte, stemmte eine Hand in die Hüfte und lie? die Schulter von Charles los.

  ?Warum konntest du die Rolle, die ich dir gegeben habe, nicht einfach akzeptieren, Rochelle? Du hattest so viel Potenzial. Mehr als mein gut gebauter Wachhund Caleb oder Valentin, der sich durch seine extrovertierte Art mit jedem anfreunden konnte. Sogar mehr als Amadeus, dessen Affinit?t ?u?erst nützlich ist. Mit deiner Intelligenz warst du dazu bestimmt, meine rechte Hand zu sein. Allerdings hast du, statt Charles auszuhorchen, ihn nur gegen mich aufgebracht, weil du deine eigenen kleinen Ziele verfolgen wolltest. Habe ich nicht recht? Du bist der eigentliche Drahtzieher gewesen.“

  Was redet sie da …? Amadeus Affinit?t? Rechte Hand?

  Verwirrt warf Charles einen Blick zu Rochelle, welche wütend die Z?hne zusammenbiss. Aus dem Augenwinkel hatte Maya die Reaktion von Charles bemerkt, woraufhin ein L?cheln auf ihrem Gesicht erschien und sie sich zu ihm wandte: ?Oh … hat dir Rochelle davon etwa nichts erz?hlt? Der Vorschlaghammer, den ich benutzt habe, um dich zu disziplinieren, wurde von Amadeus erschaffen.“

  Die Augen von Charles weiteten sich.

  ?W-wie bitte …?“

  ?Du hast mich schon verstanden, mein Liebling. Amadeus besitzt die Terra-Affinit?t. Leider muss er für seine Erdformung den genauen Aufbau der Objekte kennen und entsprechende Materialien zur Verfügung haben, weshalb ich mich derzeit mit eher steinzeitlichen Kreationen zufriedengeben muss.“

  Es dauerte einen Moment, bevor Charles das volle Ausma? ihrer Worte begriff, doch dann d?mmerte es ihm: Das bedeutet … Mit der Vergebung meinte Amadeus gar nicht mich. Seine Worte waren an sich selbst gerichtet. Verdammt …! Und ich habe ihn auch noch angeschnauzt …

  Bei diesen verst?renden Gedanken wurde ihm übel und Charles hielt sich die Hand vor den Mund.

  ?Verstehst du jetzt, Charles, warum es so wichtig war, dass Maya nichts von deiner oder meiner Affinit?t erf?hrt? Sie würde nur einen Weg finden, um diese für ihre Zwecke zu missbrauchen. Das ist eine der Sachen, die ich als ihre rechte Hand gelernt habe.“

  Langsam lief Maya auf Rochelle zu. Ihre lila Augen strahlten in der Finsternis des Waldes. Sie wirkten kalt und durchbohrend, aber vor allem unheimlich.

  ?Wirklich erb?rmlich! Sag mir, Rochelle: Wie fühlt es sich an, dich ein Jahr lang auf diesen Tag vorzubereiten, wie eine Bl?de zu trainieren, nur um am Ende trotzdem zu verlieren?“

  Bei diesen Worten schnaubte Rochelle ver?chtlich.

  ?Verlieren? Sieh dich um, Maya! Weder Caleb, Amadeus noch Valentin sind hier. Alle Menschen, die deine Macht so sehr gest?rkt haben, sind fort. Nicht mal die Person, von der du behauptest, sie zu lieben, steht zu dir. Jetzt bist du wie ich damals: komplett auf dich allein gestellt.“

  Sie lie? ihre Fingerkn?chel knacken und ging in Kampfstellung.

  ?Und im Eins-gegen-eins kann ich dich definitiv besiegen!“

  Ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, tat Maya es ihr gleich.

  ?Tzz, du übersch?tzt dich ganz sch?n, nur weil du mich einmal kalt erwischt und meinen kleinen naiven Charles um den Finger gewickelt hast. Aber mach dir keine Sorgen! Hiernach werde ich sicherstellen, dass du keine mehr besitzt.“

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