So langsam verstehe ich … Um noch st?rker zu werden, versammelt Maya seit Jahren eine Gruppe an Freunden um sich, die aus Waisen besteht, welche sie für besonders schlau oder nützlich h?lt. Dazu geh?rt auch Rochelle, die sich jedoch nur als ihre rechte Hand ausgab, um Mayas Schwachstelle zu finden.
Ein paar Schritte entfernt vom Geschehen starrte Charles gebannt auf die Szenerie vor ihm. Die Ereignisse hatten sich in kürzester Zeit überschlagen. Auge um Auge standen sich Rochelle und Maya in Kampfhaltung gegenüber. Beide M?dchen funkelten die jeweils andere voller Mordlust an. Die Spannung in der Atmosph?re war für Charles fast zu schmecken. Links stand Rochelle, komplett in Wei?. Auf der anderen Seite befand sich Maya, die bislang durch ihre schwarze Kleidung in der sp?rlich erleuchteten Finsternis nur schwer zu erkennen war. Doch Charles’ Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gew?hnen k?nnen. Der Vorteil, den Maya noch vor ein paar Minuten hatte, verschwand langsam.
Seit einem Jahr wartet Rochelle schon auf die passende Gelegenheit zum Zuschlagen, und heute ist der Augenblick endlich gekommen. Die beiden stehen sich in einer finalen Konfrontation gegenüber, die alles entscheiden wird. Mein Schicksal, das der Freundesgruppe und aller anderen Kinder des Waisenhauses. Jeden Moment werden sie aufeinander losgehen. Der Kampf zweier Genies. Und ich bin mitten…
Auf einmal hob Maya die Handfl?chen nach oben und legte den Kopf schief. Ihre unheimlich funkelnden Augen, die bis eben noch die Dunkelheit durchbrachen, hatten sich wieder beruhigt.
?Wie schaut es aus, Rochelle? Sagen wir einfach, dass wir die ganze Sache vergessen?“
?Huh?“, erwiderte Rochelle.
Auch Charles war überrascht von diesem unerwarteten Angebot.
Habe ich mich gerade verh?rt …? Das kann nicht ihr Ernst sein.
Gelassen fuhr Maya mit ihrer Erkl?rung fort: ?Ich meine, es gibt kein Szenario, in welchem ihr in der Lage w?rt, zu gewinnen, und was bringt es mir, dich und Charles erneut zu verkrüppeln, solange du Heilmagie nutzen kannst?“
Den Blick weiterhin auf Rochelle gerichtet, deutete Maya auf Charles.
?Von mir aus lass’ ich dich auch gehen, wenn du das unbedingt willst. Aber er bleibt hier!“
Ein ver?chtliches Schnauben brach aus Rochelle heraus.
?Pff, von wegen! Nur damit das klar ist: Charles und ich verschwinden heute Abend!“
?So sieht’s aus, Maya, du kannst uns nicht aufhalten!“, rief Charles aus dem Hintergrund.
Daraufhin warf Maya ihm ein düsteres L?cheln zu, das Charles einen Schauer über den Rücken jagte.
?Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig …“
Unvermittelt wandte sich Maya zur Seite, als wollte sie gehen. Auf halbem Weg hielt sie jedoch inne. Sie zog den linken Arm quer über ihre Brust und hob das rechte Bein ein wenig an, bevor sie blitzschnell mit einem Geisterschritt auf Rochelle zuglitt. Im n?chsten Augenblick stand sie dicht neben Rochelle und drehte ihren K?rper. Ein wuchtiger Tritt gegen ihre Beine und ein gleichzeitiger Hieb mit der Armkante auf Rochelles Brustkorb fegten diese von den Fü?en und lie?en sie rücklings zu Boden stürzen.
?… als dich auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen!“
Was zum …? Das war so schnell, dass ich es kaum sehen konnte. Der Kampf hat gerade erst begonnen und Rochelle liegt schon am Boden?
Erneut grinste Maya ihn an: ?Immer noch so zuversichtlich, Charles?“
Vorsichtig trat dieser einen Schritt zurück, w?hrend sich Maya bereit machte, loszulaufen. Aber ehe sie auf ihn zusprinten konnte, stemmte Rochelle ihre H?nde hinter den Kopf auf den Boden, zog die Fü?e an und führte einen fast genauso schnellen Kick-Up in Mayas Richtung aus. Ohne gro?e Mühe entging Maya jedoch der Attacke, indem sie nach hinten sprang. Vorsichtshalber nahm sie dennoch etwas Abstand. In der Zwischenzeit klopfte sich Rochelle den Dreck vom Rock und nahm wieder ihre Kampfhaltung ein.
?Ist das alles, was du kannst? Miese Tricks anwenden, um zu gewinnen?“
?Tzz, ich bin schlie?lich eine Illusionistin, Rochelle. Meine Zaubertricks haben mir in der Stadt all die Jahre lang genug Geld verschafft, um dir und den anderen jeglichen Luxus wie zum Beispiel Sü?igkeiten oder den Grillabend zu erm?glichen. Zeig lieber mal etwas Dankbarkeit!“
?Meinst du die Marshmallows, mit welchen du Valentin bet?ubt hast? Ich danke dir vielmals für deine Wohlt?tigkeit. Die Angst darüber, ob uns dein Essen umbringt, hat das Leben aller sicherlich bereichert. Vor allem das von Charles.“
Der letzte Satz l?ste etwas in der bisher ruhig gebliebenen Magierin aus. Ihre Mundwinkel sanken langsam nach unten und ihr Blick wurde grimmiger. Auch ihr Ton ver?nderte sich deutlich.
?Erst willst du ihn nicht gehen lassen und jetzt machst du dir Sorgen um ihn? Man k?nnte fast meinen, dass du was von meinem geliebten Charles m?chtest.“
Mit einem L?cheln auf den Lippen stürmte Rochelle auf Maya zu und schlug mit der Faust nach ihr. Den Armrücken zum Schutz vor ihr Gesicht gezogen, blockte Maya mit Leichtigkeit.
?Sogar deine l?cherlichen Angriffe sind so schwach wie seine.“
In einer kreisenden Bewegung drehte Maya ihren Arm nach links und bekam Rochelles Unterarm zu fassen. Sofort wandte sich Maya zur Seite und zog diesen mit sich. Wie auch bei Charles war Rochelle dazu gezwungen, den Oberk?rper nach vorne zu beugen, woraufhin Maya ihren Rücken nach unten drückte und zur selben Zeit das Knie nach oben schnellen lie?.
So ein Mist …! Genau damit hat sie mich auch erwischt.
Zur überraschung von Charles stützte sich Rochelle jedoch vorzeitig mit ihrer Hand auf das heranschnellende Knie und stoppte es. Ver?rgert lie? Maya den Arm von Rochelle los und wollte ihr auf den Rücken schlagen, doch diese griff sich ohne zu z?gern das Bein der Magierin. Mit Schwung drehte Rochelle ihren K?rper seitlich nach oben, wobei sie Maya mit sich zerrte, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen.
?Mach weiter so, Rochelle. Gleich hast du sie!“, feuerte Charles sie an.
Sein aufkeimender Enthusiasmus wurde allerdings j?h ged?mpft, denn die Gesichtszüge von Maya entgleisten. W?hrend sie fiel, packte Maya das Oberteil von Rochelle, zog sich n?her ran und verpasste ihr eine Kopfnuss. Abrupt sackte Rochelle zu Boden, wo sie für ein paar Sekunden regungslos dalag. Erst nach einer Weile realisierte sie, was geschehen war, rollte sich ein und hielt ihre vor Schmerzen pochende Stirn. Die ebenfalls zu Boden gefallene Maya nutzte diese Chance, um wieder aufzustehen.
Dabei war Rochelle so nah dran. Kann denn niemand dieses Monster aufhalten …? Ich … ich darf nicht einfach nur dumm rumstehen. Irgendwie muss ich ihr doch helfen k?nnen … Sollte ich meinen Feuerball einsetzen …?
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Bilder seines brennenden Hauses blitzten vor Charles Augen auf.
D-das kann ich nicht riskieren …! Um uns herum stehen überall B?ume. Zudem k?nnte ich sie in dem Durcheinander treffen … Im Nahkampf bin ich ebenfalls viel zu unerfahren. Am Ende würde ich ihr nur zur Last fallen. Au?erdem …
Charles blickte auf seine zitternden H?nde. Nach kurzer Betrachtung kniff er die Augen zusammen und biss sich fest auf die Lippe.
Verdammt nochmal …! Warum kann ich nicht aufh?ren, daran zu denken? Ich bin so nutzlos.
Siegessicher beugte sich Maya über Rochelle: ?Siehst du? Selbst wenn ich keine Tricks verwende, kommst du trotzdem nicht gegen eine echte Antimagierin an.“
Für eine Weile herrschte ein tiefes Schweigen. Nur das Rascheln der Bl?tter, die in der Abendbrise tanzten, war zu vernehmen. Dann passierte es: Langsam nahm Rochelle ihre H?nde zur Seite. Auf ihrer linken Pupille war eine Sonne erschienen.
?G-genug…“, keuchte Rochelle.
L?chelnd hielt Maya ihre Handfl?che ans Ohr und beugte sich noch weiter runter.
?Du musst schon deutlicher sprechen, damit ich dich verstehe!“
Pl?tzlich schoss ein Tritt in Mayas Richtung, dem sie jedoch mühelos auswich. Rochelle winkelte ihr verbleibendes Bein an, stützte sich mit der Hand aufs Gras und richtete ihren Rumpf auf. Durch die entstandene Lücke setzte sie ihren Fu?, der eben noch Maya attackiert hatte, hinter sich, stand auf und war direkt wieder kampfbereit. Ihre in der Dunkelheit strahlenden Z?hne formten ein wahnsinniges Grinsen. Zusammen mit den vor Eifer brennenden, gelben Augen hatte sie die Ausstrahlung einer echten Kriegerin.
?Ich sagte: Genug gespielt, du M?chtegernkampfkünstlerin! Ab jetzt mach’ ich ernst!“
Die Augen von Charles weiteten sich.
Sie will immer noch weitermachen …? Nein. Nicht nur will sie weiterk?mpfen, sondern Rochelle l?chelt auch noch dabei … Und das, obwohl sie bisher nur von Maya kassiert hat und keinen einzigen Treffer landen konnte. Was für eine Willensst?rke!
Von Maya kam hingegen ein tiefer Seufzer.
?Oh Mann! Wie kann man nur so stur sein?“
Nahtlos ging der Kampf der Genies weiter und Rochelle attackierte ihre Gegnerin mit einem Drehkick. Ohne Probleme wich Maya diesem aus und schnellte direkt wieder nach vorne, um sich das Bein von Rochelle zu greifen. Dieses Mal war sie allerdings gezwungen, das Schienbein zu nehmen, weil Rochelle weiter nach links getreten hatte, wodurch es schwerer war, ihr Bein von au?en zu umklammern.
?Jetzt habe ich dich“, sagte Rochelle und rotierte ihren K?rper, sodass ihre Fu?spitze nach oben zeigte.
Anschlie?end beugte sie ihren Torso nach vorne und nahm genug Schwung, um einen Radschlag nach hinten zu machen. Dies zwang Maya, das Bein von Rochelle loszulassen, um den daraus resultierenden Tritt abzublocken. Obwohl Maya mit beiden H?nden abwehrte, wurde ihre Deckung weit aufgerissen und sie taumelte durch den Schwung nach hinten. Rochelle, die ihren überschlag beendet hatte, ergriff die Gelegenheit und setzte sofort zum n?chsten Angriff an. W?hrend sie Schwung holte, erschienen aber pl?tzlich zwei Klone von Maya neben ihr, welche zur selben Zeit aus unterschiedlichen Richtungen auf sie einschlugen. Allerdings hatte Rochelle bereits mit so etwas gerechnet. Sie drehte ihren K?rper zum ersten Doppelg?nger und lie? ihre Faust durch die Luft sausen. Damit eliminierte Rochelle diesen in Windeseile. Allerdings stürmte nun die echte Maya auf sie zu. Ohne zu z?gern rotierte Rochelle um neunzig Grad und verpasste der Magierin einen Tritt auf Magenh?he. Gerade so konnte Maya mit ihren Armen blocken. Die Wucht des Aufpralls schleuderte sie dennoch ein ganzes Stück nach hinten, was Rochelle genug Zeit gab, sich zu ducken, um dem Schlag des anderen Duplikats zu entgehen. Ein gezielter Aufw?rtshaken beendete auch dessen Dasein. Auf einmal schrie ihr Charles zu: ?PASS AUF, DIREKT VOR DIR!“
Blitzschnell schaute Rochelle nach vorne und sah, wie Maya sich bereits wieder erholt hatte. Die Arme verschr?nkt, hielt sie mehrere Karten zwischen den Fingern, welche mit einer lilafarbenen Aura umgeben waren. Eine schnelle Bewegung von Maya sp?ter schossen diese auf Rochelle zu. Reflexartig lie? Rochelle sich zur Seite fallen und rollte sich ab. Gebannt verfolgte Charles das Kampfgeschehen.
Im Grunde verwendet Rochelle beinah dieselben Techniken wie ich, aber auf eine viel geschicktere Weise. Es wirkt fast so, als ob sie das absichtlich macht, um mir etwas beizubringen. Nicht nur das. Zus?tzlich zeigt sie mir auch, wie man die Bewegungen von Maya entsprechend kontert. Selbst wenn sie es noch nicht hundertprozentig hinbekommt, wirkt es trotzdem fast so, als würde sie bei manchen Attacken bereits wissen, wie Maya reagieren würde. Wie macht sie das blo? …?
Nach einer kleinen Atempause ging Maya langsam auf Rochelle zu. Ein unheimliches Grinsen zierte ihr Gesicht. Sie zückte einen Stapel Karten und f?cherte ihn auf, bevor das Blatt von derselben lila Aura von vorhin umgeben wurde. Kurz darauf erschuf sie zwei weitere Doppelg?nger und zeichnete einen roten Vorhang in die Luft. Für einen kurzen Moment verschwanden alle drei dahinter, bis zwei von ihnen hervorrannten und in unterschiedliche Richtungen zwischen den B?umen verschwanden. Letztlich blieben sie im toten Winkel von Rochelle stehen. Auf ein Schnippen verschwand der Vorhang und alle drei Mayas fingen an, Rochelle einzukreisen. W?hrenddessen wechselten sie sich beim Sprechen ab:
?Dann rate mal…“
?…wer von uns dreien…“
?…die richtige ist!“
Rochelles Kopf wanderte gezielt zwischen ihnen hin und her.
?Falls du falsch liegst…“
?…dann werden dich…“
?…dutzende rasiermesserscharfe Karten durchbohren.“
Sogleich entfesselten alle drei einen Hagelsturm an Karten, der auf Rochelle einprasselte. Ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, wich Rochelle nur dem vorderen Angriff aus und lie? dabei ihre Hand kurz durch die Karten gleiten. Die übrigen verpufften einfach an ihr. Zur überraschung von Charles und Maya hielt Rochelle nun zwei der Karten in der Hand. Sie verteilte die beiden und warf sie geschickt mit vorgebeugtem Oberk?rper hinter sich auf die Klone, wodurch diese verpufften. Als Rochelle den Kopf wieder erhob, umrandete eine wei?e Flamme ihr linkes Auge.
?Damit w?re meine Datenanalyse abgeschlossen.“
Sie schüttelte kurz die Hand, mit welcher sie die Karten aufgefangen hatte, ging gelassen zu Maya rüber und türmte sich vor ihr auf. Sie stemmte einen Arm in die Hüfte und ihr Mundwinkel wanderte verschmitzt nach oben.
?Ich sch?tze, du hattest wohl schlechte Karten, denn meine Siegeswahrscheinlichkeit betr?gt fünfundneunzig Prozent.“

